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Biodiversität strategisch verankern: Was auf Unternehmen in der Berichterstattung zukommt

Aktualisiert: 29. Apr.


Schildkröte schwimmt im Meer

Die biologische Vielfalt nimmt schneller ab als je zuvor in der Geschichte der Menschheit, und die Biosphäre wird in einem noch nie dagewesenen Ausmaß verändert. Nach Ansicht vieler Expertinnen passiert derzeit das sechste große Massenaussterben direkt vor unseren Augen. Im Mai 2019 veröffentlichte der Weltbiodiversitätsrat IPBES seinen Globalen Bericht, dem zufolge eine Millionen Arten innerhalb der nächsten Jahrzehnte akut bedroht sind. Das hat auch drastische Auswirkungen auf unsere Volkswirtschaften, die Ernährungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität weltweit. Und wir stehen erst am Anfang dieser negativen Trendwende, bei einer Fortsetzung von Business-as-usual Szenarien wird sich die Situation nur verschlimmern.


Biodiversität wird also das nächste große Thema, das Unternehmen ins Auge fassen müssen, um den globalen ökologischen Herausforderungen sowie steigendem regulatorischem Druck Rechnung zu tragen. Die meisten Unternehmen stehen hier noch ganz am Anfang. Nur 29% der deutschen „Top 100“ sehen einen Verlust der Artenvielfalt und des Ökosystems als Geschäftsrisiko an und berichten auch hierzu (KPMG Survey on Sustainability Reporting 2022). Das wird sich allerdings schnell ändern. Schon ab 2024 müssen Unternehmen im Rahmen der CSRD auch zu Biodiversität berichten. Zudem gibt es eine Vielzahl weiterer nationaler und internationaler Richtlinien und Initiativen.


Der Verlust biologischer Vielfalt soll bis 2030 gestoppt werden


Im Dezember 2022 wurde im Rahmen der 15. Konferenz der Vertragsparteien des UN-Übereinkommens über die biologische Vielfalt (COP 15) ein neues globales Rahmenwerk für die biologische Vielfalt nach 2020 verabschiedet. Dies ist ein vergleichbarer Durchbruch, wie das Pariser Abkommen von 2015, das heute den Ziel- und Referenzrahmen für Unternehmen und Staaten in ihren Bemühungen zur Lösung der Klimakrise bildet. Das verabschiedete Biodiversitätsäquivalent zielt darauf ab, den Verlust der biologischen Vielfalt bis 2030 zu stoppen und bis 2050 alle Ökosysteme der Welt wiederherzustellen.


Dass Biodiversität nicht mehr nur ein Thema von Umweltaktivisten ist, sondern auch massive Auswirkungen auf die globale Wirtschaftsleistung hat, zeigt unter anderem die Präsenz des Themas beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum. Biodiversität zählt aktuell zu den größten globalen Wirtschaftsrisiken (Global Risks Report, 2022).


Produzenten und Verbraucher werden bisher kaum für die negativen Auswirkungen, die sie auf die Natur haben, zur Rechenschaft gezogen


Nicht-nachhaltige Produktion und nicht-nachhaltiger Konsum sind die Hauptursachen für den Verlust biologischer Vielfalt, der zu einem großen Teil den Verbrauchern in Ländern mit hohem Einkommen Ländern, aber zunehmend auch in Ländern mit mittlerem Einkommen relevant ist. Die wichtigsten Ursachen sind dabei eng mit einigen wenigen Schlüsselindustrien verbunden:

  • Der Verlust von Lebensräumen wird meist durch die Ausweitung der Landwirtschaft und neuer Infrastruktur verursacht.

  • Der Raubbau wird größtenteils durch nicht-nachhaltige Forstwirtschaft und Überfischung verursacht.

  • Verschmutzung hat viele Ursachen, wird aber insbesondere von der verarbeitenden und mineralgewinnenden Industrie sowie von landwirtschaftlichen Abwässern verursacht.

Insgesamt werden Produzenten und Verbraucher nur selten für ihre negativen Auswirkungen zur Rechenschaft gezogen. Oft haben sie auch keine Informationen zu ihrem Fußabdruck der biologischen Vielfalt. Unter dem Strich hängen mehr als 50 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistungen von funktionierenden Ökosystemen und den damit verbundenen Ökosystemdienstleistungen ab (Weltbank, 2022). Auf der Systemebene werden diese wahren sozialen und ökologischen Kosten von Produktion und Konsum im Allgemeinen nicht in die Kosten der Verbraucherprodukte eingerechnet.


Die Berichterstattung zu Biodiversität steht noch am Anfang, zieht aber deutlich an


Eine systematische Erfassung und Standardisierung von Auswirkungen und Abhängigkeiten von Biodiversität und Ökosystemleistungen ist deshalb für ein adäquates Risikomanagement in Unternehmen und für eine Transformation hin zu einem nachhaltigeren Wirtschaften von zentraler Bedeutung.


Während sich in den letzten Jahren die Berichterstattung von Kohlenstoffemissionen zur Eindämmung des Klimawandels etabliert hat, fehlt bisher eine vergleichbare Berichterstattung zur Biodiversität. Dies wird auch nicht mit einem einzigen Indikator umsetzbar sein, da die Einflüsse auf Biodiversität viel komplexer sind, was Auswirkungen und Abhängigkeiten schwere quantifizierbar macht. In Bezug auf die Messung von Biodiversität werden bisher eher einfache Indikatoren wie etwa Artenvielfalt, Vegetationsbedeckung oder Landnutzung verwendet. Die Messung und Bewertung von Abhängigkeiten wird bisher kaum berücksichtigt, dies liegt vor allem an den fehlenden Methoden.


Das Weltnaturabkommen enthält unter an­derem auch eine Vorgabe zur Biodiversitäts­berichterstattung von Unternehmen. Bis 2030 sollen die Vertragsstaaten sicherstellen, dass große und transnationale Un­ternehmen und Finanzinstitutionen ihre „Risiken, Abhängigkeiten und Auswirkungen auf die biologische Vielfalt regelmäßig überwachen, bewerten und transparent offenlegen“. Und zwar auch entlang der Liefer- und Wertschöpfungsketten. Hier geht es zum ersten Entwurf des Post-2020 Global Biodiversity Framework.


In der EU wird es vom kommenden Jahr an stufenweise rechtlich verbind­liche Berichtspflichten zu Biodiversität geben. Verankert sind sie in der erwei­terten Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung (CSRD). Mehr Informationen zu der kommenden Richtlinie finden Sie hier. Danach werden künftig rund 50.000 Unternehmen in der EU, davon rund 15.000 in Deutschland, Informationen zur Biodiversität bereitstellen müssen. Die CSRD gilt für große Unternehmen sowie für kapitalmarktorientierte kleine und mittlere Unternehmen in der EU. Dazu gehören auch Fi­nanzinstitutionen.


Auf internationaler Ebene werden Standards für die Unternehmensberichterstattung durch die International Financial Reporting Standards (IFRS) Foundation gesetzt. Innerhalb der IFRS Foundation entwickelt aktuell das International Sustainability Standards Board (ISSB) Nachhaltigkeitskriterien für die Unternehmensberichterstattung im ESG-Bereich. Unabhängig davon arbeitet die Task Force on Nature-Related Financial Disclosures (TNFD) an der Definition und Etablierung eines konzeptionellen Rahmens für die Berücksichtigung und Offenlegung von Natur-bezogenen Risiken.


Biodiversität ist aktuell vor allem für den Finanzsektor ein großes Thema


Insbesondere für institutionelle Investoren stellt der Verlust von Biodiversität und Ökosystemleistungen ein systemisches Risiko dar und gewinnt daher zunehmend an Bedeutung. Deutsche Investoren berücksichtigen Aspekte von Biodiversität und Ökosystemleistungen allerdings bisher kaum. Die EU CSRD ist neben dem ISSB-Standard sowie den Vorgaben der TNFD auch für die Finanzindustrie von hoher Relevanz, um die aktuell überwiegend mangelhafte Datenlage zu Biodiversität und Ökosystemleistungen zu verbessern und somit eine für den Finanzsektor bereits regulatorisch vorgeschrieben Nachhaltigkeitsberichterstattung überhaupt zu ermöglichen. Von zentraler Bedeutung sind hier die Vorgaben der EU Taxonomy sowie der Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR) (NABU, 2022).


Was unternehmen jetzt tun können


Zur Erarbeitung einer Biodiversitätsstrategie kann jedes Unternehmen die „doppelte Wesentlichkeit“ (Double Materiality) als Grundlage nehmen, die als u.a. ein Bestandteil der zukünftigen Nachhaltigkeitsberichterstattung unter der CSRD ist. Dazu gehört auch die Frage, welchen Einfluss die Biodiversität auf das eigene Geschäftsmodell hat („Outside-In) und wie sich dieses Geschäftsmodell umgekehrt auf Biodiversität auswirkt („Inside-Out“).


Um bereits jetzt Maßnahmen zu ergreifen, können Unternehmen die von der Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) und dem Science Based Targets Network (SBTN) entwickelten Rahmenwerke und Ziele nutzen, die Unternehmen bei der Bewertung von Auswirkungen und Abhängigkeiten von der Natur, beim Management und der Berichterstattung über naturbezogene Risiken und Chancen sowie bei der Festlegung naturbezogener Ziele unterstützen. Zwar wird die TNFD erst im September 2023 in das finale Framework mit allen vollständigen Empfehlungen veröffentlicht, Im aktuell verfügbaren Entwurf lassen sich aber jetzt schon bereits erste Empfehlungen zur Erstellung einer eigenen Biodiversitätsstrategie ableiten.


Möchten Sie mehr darüber erfahren? Nehmen Sie mit uns Kontakt auf unter info@planet-now.com.

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